Fokus Balkan – Perspektivlosigkeit vor den Toren der EU?

Es gibt EU-Länder, die den Kosovo nicht als Staat anerkennen?

Trotz des vorweihnachtlichen Trubels und des schlechten Wetters fanden zahlreiche Besucher*innen am 05. Dezember den Weg ins DHMD zur letzten Veranstaltung „Fokus Balkan - Perspektivlosigkeit vor den Toren der EU?“ unserer Länderreihe.

Fast 25 Jahre nach dem Krieg der westlichen Balkanländer waren 2015 mehr Menschen nach Deutschland gekommen, um Asyl zu beantragen, als in den 1990er Jahren zu Zeiten des Jugoslawienkrieges. Mit bildhaften Beträgen und persönlichen Erfahrungen brachten uns Christian Zache, Referent der KAS, und die gebürtige Albanerin Dorieta Gjura Montenegro, Mazedonien, Serbien, Kosovo, Albanien, Bosnien-Herzegowina sowie den EU-Mitgliedsstaat Kroatien nicht nur als Fluchttransitländer von 2015 nahe.

Land & Leute

Zwei Dinge fielen dabei deutlich auf: Der Westbalkan besteht aus kleinen Staaten, die eine geringe Population von mehreren Hunderttausend bzw. bis 7 Millionen Menschen aufweisen und gleichzeitig jeweils eine große Homogenität an Minderheiten und Ethnien verschiedener Nationen beheimaten. So hat beispielsweise Montenegro ca. 630 Tsd. Einwohner*innen mit einem Anteil von 45% Montenegriner*innen, 29% Serb*innen, 8,6 % Bosniak*innen, 5,0% Albaner*innen, 1,0% Kroat*innen und 1,0% Roma. Dieser Umstand führt sich in unterschiedlicher „Zusammensetzung“ in den anderen Ländern fort und rührt wahrscheinlich aus der Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens her, als Völkergruppen aus wirtschaftlichen Gründen in die Nachbarregionen zogen. Die Schwierigkeit liegt nicht ausschließlich in der „gefühlten“ oder kulturellen Zugehörigkeit des oder der Einzelnen, sondern in der staatlichen Anerkennung der Landesgrenzen und Landesregionen. Dabei kann es vorkommen, dass eine Person mehrere Pässe von zwei oder drei Nationalitäten besitzt, da sie im Grenzgebiet lebt, das parallel von zwei oder drei nationalen Behörden verwaltet wird.

Der Blick auf die Entwicklung der Verhältnisse gerichtet, haben die Westbalkan-Staaten mit hoher Armut in ländlicheren Regionen und generell einer großen Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen. Das urbane Bild, das in den Vorträgen vermittelt wurde, ist fast identisch: Städtische Kulisse von kriegszerstörten Bauten, kommunistischen Architektur bis hin zu glasspiegelnder Moderne des 21. Jahrhunderts. Der ländliche Raum? Im Winter fast unpassierbar und im Sommer nur mit Geländewagen zu durchqueren.

Länder & EU-Beitritt

Im Podiumsgespräch mit Ulla Kalbfleisch-Kottsieper, Mitglied des TEAM Europes, kam Erstaunliches im Streit um die Anerkennung des Kosovos als Staat zu Tage: Es gibt sogar in der EU Länder, die ihn nicht anerkennen. Bei näherer Betrachtung ist es nicht überraschend, dass Spanien in der aktuellen Situation mit der möglichen Abspaltung Kataloniens keinerlei Interesse hat, solche „Konstrukte“ separatistischer Minderheiten anzuerkennen, um nicht den Prozess im eigenen Land anzuschüren. Gleiches gilt für den Streit um Mazedonien, dessen Eigenständigkeit als Staat von Griechenland nicht anerkannt wird. Warum? Weil laut griechischer Meinung Mazedonien als solches historisch wie geografisch zu Griechenland gehört. Bei all dem Widerstand aus den eigenen Reihen, erwartet die EU eine Klärung und Einigung der Westbalkanländer untereinander. Das Konfliktpotenzial in der Bevölkerung scheint hoch zu sein, die Enttäuschung über Junckers Absage der Beitrittserweiterung 2014 wiegt schwer, der Beitritt der einzelnen Länder ist auf Eis gelegt.

Tickende Zeitbombe Balkan?

Diese Frage von Dorieta Gjura an das Publikum war berechtigt. Sie ist der Ansicht, dass die Provokationen, die in letzter Zeit von serbischer Seite in Richtung Kosovo aus gingen (Siehe „Zugfahrt mit Folgen“) sowie die Ausschreitungen bei dem WM-Qualifikationsspiel Serbien gegen Albanien (Siehe 7. Minute) vor allem in der Politik oder auf und rund um das Fußballfeld ausgetragen werden. In der Bevölkerung sei die Stimmung gegenüber anderen Nationalitäten oder Minderheiten nach eigener Erfahrung weniger aggressiv, die Leute seien eher offen und aufgeschlossen aufeinander zu- und miteinander umzugehen.

Perspektivlosigkeit vor den Toren der EU?

Um die Ausgangsfrage zu beantworten, ob bei den Westbalkan-Staaten Perspektivlosigkeit herrscht, geht der Blick gerade nach Serbien, das vor allem wirtschaftlich für mehrere Mächte außerhalb der EU attraktiv ist. In der Reihe derer, die dort bereits Investitionen tätigen und vorantreiben, stehen an erster Stelle Russland, die Türkei sowie arabische Länder. Hingegen ist Mazedonien zum Beispiel schon seit langer Zeit ein strategisch wichtiger Militärstandort für die USA. Um nicht den Anschluss an die Entwicklung und die Einflussnahme auf den Westbalkan zu verlieren, müsste die EU, laut Kalbfleisch-Kottsieper, für eine bessere Vorgehensweise in der Arbeitsmigration sorgen. Um auch gerade der jungen Generation nach einem Arbeitsaufenthalt in der EU die Rückkehr nachhaltig zu ermöglichen, sollten diese das Werkzeug und Know-how an die Hand bekommen, um nach der begrenzten Zeit in einem EU-Staat den Aufbau ihres Heimatlandes zu ermöglichen.

Es war schwierig die Komplexität des westlichen Balkans in einer Veranstaltung unterzubringen, da dieses Thema die Aufmerksamkeit mehrerer Veranstaltungen verdient um die Vielschichtigkeit der Zusammenhänge zwischen der Geschichte, der Entwicklung, den Kulturen des westlichen Balkans zu erfahren und zu begreifen.

 

Referierende:

Christian H. Zache,  Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung, des Osteuropa-Zentrums Berlin und der Botschaften der MOE-Staaten in Berlin; Seminarleiter und Berater für EU-Projektentwicklung und –umsetzung in Politik und Wirtschaft, u.a. für Maximilian International in Serbien und Kroatien sowie EBP Ltd. für Projekte in Kroatien, Bosnien, Montenegro, Slowenien, Serbien. (Einführung und Moderation)

Ulla Kalbfleisch-Kottsieper, Ministerialdirigentin a.D., langjähriges Mitglied als Expertin des Rednerdienstes TEAM EUROPE der Europäischen Union, Vortragstätigkeiten im Rahmen des Stabilitätspaktes in verschiedenen Balkanstaaten, Aufbau eines grenzüberschreitendes Teams aus Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegovina, (Podiumsdiskussion)

Dorieta Gjura (M.E.S.), Mitarbeiterin des Europabüros von Sylvia-Yvonne Kaufmann, MdEP, in Berlin. Die gebürtige Albanerin schloss gerade ihre Arbeit zum Thema „Erfolge und Misserfolge der Westbalkan Konferenz: Hat es Veränderung im Annäherungsprozess des Westbalkans zur EU aufgrund der Westbalkankonferenzen gegeben?" ab.

 

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Seit Jahren warten die Westbalkanländer auf den EU-Beitritt. Abgeschnitten und ohne Perspektive? Bild: www.pexels.com

 

Veranstaltungsfakten

Fokus Balkan – Perspektivlosigkeit vor den Toren der EU?

05. Dezember 2017, Dienstag, 19:00 Uhr

Deutsches Hygiene-Museum Dresden
Marta-Fraenkel-Saal
Lingnerplatz 1
01069 Dresden
Kontakt

Europe Direct Informationszentrum  (EDIC) Dresden
Schützengasse 16 – 18
01067 Dresden

Katharina Grzesik

Tel.: 0351/4 94 33 66
Fax: 0351/4 94 34 00
E-Mail: europe_direct(at)uzdresden.de

Kooperationspartner

In Kooperation mit der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden und dem Umweltzentrum Dresden e. V.

 

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